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Die START-Stiftung bekommt einen neuen Geschäftsführer: Farid Bidardel (35) übernimmt zum 1. Februar 2022 das Steuer. Er folgt damit auf Stefanie Kreyenhop, die sich wieder wie geplant vollständig ihren Aufgaben als Justiziarin der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung widmet. Der Organisationspsychologe und Erziehungswissenschaftler bringt vielseitige Erfahrungen in der Entwicklung von Stipendienprogrammen mit und ist zudem als mehrfacher Startup-Gründer mit Fokus Digitalkompetenzen und Migrationskontext bestens für diese Aufgabe gerüstet. Was Farid Bidardel an seiner neuen Aufgabe bei START reizt, wie er das Programm weiterentwickeln will, und was Goethe damit zu tun hat, erzählt er in unserem Interview.

 

Sie sind Start-up-Gründer, Sozialunternehmer, Digitalexperte – was reizt Sie fachlich und biografisch an Ihrer neuen Aufgabe als Geschäftsführer von START?

 

Es ist die Kombination aus Bewährtem und Neuem, die mich reizt. Auf der einen Seite gibt es das START-Programm, so wie es in den vergangenen Jahren erfolgreich durchgeführt wurde, mit all seinen Facetten. Dann die Teilnehmenden, auf die ich mich besonders freue. Nicht zuletzt das Team, das eine hervorragenden Arbeit leistet. Alle Beteiligte dürfen stolz darauf sein, was START heute ist, und ich bin sehr dankbar, was mir die vorherigen Geschäftsführungen als Ausgangslage bereitet haben. Mit einem neuen Blick von außen ergibt sich nun die Chance zu überlegen, wie die Wirkung, die START seit Jahren entfaltet, mit technischer Finesse noch weiter unterstützt und skaliert werden kann. Wie können wir also mit den Möglichkeiten der Digitalisierung den gesellschaftlichen Mehrwert steigern? Ich bin sicher, dass wir mit dem Netzwerk und den Ressourcen der START-Stiftung in einer Kombination mit neuen Technologien noch mehr Menschen erreichen sowie unsere Stipendiatinnen und Stipendiaten noch besser fördern können. Diese Aufgabe reizt mich sehr.

 

Zudem habe ich einen biografischen Bezug zur Zielgruppe. Dadurch, dass meine Eltern eine Einwanderungsgeschichte haben, kann ich mich in die Schuhe der Teilnehmenden gut hineinversetzen. Meine Eltern sind beide persischer Herkunft. Mein Vater wuchs in Deutschland auf, meine Mutter kam Anfang der 80er Jahre als Geflüchtete hierher. Als Jugendlicher habe ich oft darüber nachgedacht, wo eigentlich mein Platz in der Gesellschaft ist, und welchen Beitrag ich leisten kann – gerade vor dem Hintergrund, dass ich für andere auf den ersten Blick vielleicht nicht hier zuhause bin. Das sind Fragen, die ich mir damals gestellt habe, und ich freue mich, heute für START gemeinsam mit den Jugendlichen genau zu diesen Themen zusammenarbeiten.

 

Was treibt Sie an und welche Haltung liegt dem zugrunde?

 

Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch den Wunsch hat oder danach sucht, Dinge zum Guten zu verändern. Mein Antrieb ist, die Welt wenigstens ein klein bisschen besser zu machen. Schon vor meinem Studium der Organisationpsychologie habe ich mir überlegt, wie ich dazu beisteuern kann, Systeme zu optimieren. Mir hat es nie gereicht, ein System hinzunehmen und darin zu leben. Ich wollte es zum Guten zu verändern, und das ist bis heute so. Sei es durch ein Leuchtturmprojekt wie die START-Stiftung oder auch im Kleinen. Jeder kann etwas zum Wohle der Gesellschaft beitragen, das ist meine Haltung. Und ich bin sicher, dass Jugendliche ebenso danach suchen: nach einem festen Platz in der Gesellschaft und die Möglichkeit, sie mitzugestalten. Sie dabei zu unterstützen, ist meine Motivation.

 

Inwiefern ist START aus Ihrer Sicht für Jugendliche mit Einwanderungsgeschichte und für unsere gesellschaftliche Zukunft relevant?

 

Eine spannende Frage. Ich habe ein sehr schönes Zitat von Goethe dazu im Kopf. Er hat gesagt: „Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“ Und dann gibt es den persischen Dichter Hafis, der von Goethe sehr verehrt wurde. Von Hafis ist zu dem Gedanken der Eigenverantwortung ein ebenso schönes Zitat überliefert: „Das Leben hängt an einem Haare, d’rum mache Klugheit dir zu Pflicht, bis du eig’ner Freund geblieben, dann kümm’re dich das Schicksal nicht.“ Für mich sind die Inhalte dieser beider Zitate wegweisend, wenn es um die Bedeutung von START für Jugendliche mit Einwanderungsgeschichte geht, und somit auch für unsere Gesellschaft: Gerade in einer Welt, die durch die Digitalisierung und Globalisierung von Umbrüchen geprägt ist, brauchen Jugendliche einen sicheren Anker, also Wurzeln mit demokratischen Werten, und einen festen und optimistischen Blick in die Zukunft. Gleichzeitig müssen sie Flügel entwickeln. Sie sollen lernen, sich klug und selbstbewusst auf die Zukunft vorzubereiten, um sich in dieser Welt zurecht zu finden, und sie mit Zuversicht zu gestalten. Die Wurzeln liegen in den demokratischen Grundwerten, und die Flügel sehe ich im Aufbruch in unsere neue Zeit. Die START-Stiftung unterstützt diese jungen Menschen dabei, nimmt sie ein Stück des Weges an die Hand, und entlässt sie schließlich in ein eigenverantwortliches Leben voller Möglichkeiten. Für mich hat diese Aufgabe eine große Bedeutung, und ich denke, für viele Menschen in unserer Gesellschaft auch.

 

Wohin wollen Sie START weiterentwickeln?

 

Ich persönlich muss natürlich erstmal die Wurzeln des Programms gut verstehen, und da bin ich aktuell mittendrin. Dann muss ich überlegen, wie ich der START-Stiftung weiterhin Flügel verleihen kann. Dazu gehört vor allem der eingeschlagene Prozess der Digitalisierung. Viele Organisationen haben in den letzten Jahren und vor allem in den Covid-Zeiten damit begonnen, mehr auf digital unterstützte Formen der Zusammenarbeit zuzugreifen. Das ist etwas, was ich aufgrund meiner Erfahrung mitbringe, und in der START-Stiftung zielstrebig umsetzen möchte. Wir müssen entscheiden, wie wir noch mehr Menschen erreichen können, das Programm verbessern und gleichzeitig Ressourcen gezielter einsetzen. Dabei geht es nicht darum, Menschen durch Technik zu ersetzen, sondern wir wollen Digitalisierung als Werkzeug nutzen, um Prozesse für alle zu erleichtern.

 

Wie tanken Sie Energie auf, und was liegt Ihnen jenseits Ihrer Arbeit am Herzen?

 

Ich arbeite sehr gern mit meinen Händen und bin jemand, der es liebt, Dinge anzufassen und etwas zu schaffen. Sei es bei Renovierungen am Haus oder anderen handwerklichen Tätigkeiten. Ich habe zum Beispiel eine kurze Ausbildung zum Restaurateur gemacht, weil es mich einfach interessiert, Dinge anzupacken. Darüber hinaus treibe ich gern Sport, spiele so oft es geht Fußball oder Tennis und bin einfach gern draußen aktiv. Meine Frau und ich reisen auch sehr gern, versuchen neue Kulturen, Menschen und Landschaften kennenzulernen, die ich liebend gern fotografiere. Dabei kann ich entspannen und Energie tanken. Natürlich versuche ich, mich in meiner Freizeit sozial zu engagieren: Ich bin in verschiedenen Vorständen aktiv, zum Beispiel bei Creative Change e.V., einer Organisation, die in Schulen Demokratie-Projekte durchführt. Oder bei den Pfotenpiloten, einer Assistenzhunde-Organisation, die Menschen mit Behinderung unterstützt. Vor einigen Jahren habe ich auch einen eigenen Verein gegründet: Mit CodeDoor e.V. helfen wir sozialbenachteiligte Menschen, das Programmieren zu lernen. Für mich ist es wichtig, mich auch in meiner freien Zeit für andere zu engagieren. Diese Aufgaben erfüllen mich und geben mir die Kraft, um in meiner neuen Position buchstäblich durchzustarten.

 

Interview: Rena Beeg