„Mit einer digitalen Struktur lässt sich unser Angebot neu denken“
„Never waste a good crisis”: Das ist während der Corona-Pandemie zum Motto der START-Stiftung geworden. Während des Lockdowns hat sie ihr Stipendienprogramm in den digitalen Raum verlagert. Was dort alles möglich ist und warum der Lockdown für diese Idee sogar ganz passend kam, darüber hat Imke Bredehöft von Kombüse mit dem Projektleiter START Campus Gregory Grund von der START-Stiftung gesprochen. Das Interview wurde online im Digital-Magazin D3 veröffentlicht.

 

Imke: Erst einmal herzlichen Glückwunsch! Ihr habt dieses Jahr mit 3.500 Bewerber:innen auf das START-Stipendium eine Rekordzahl erreicht. Und das im Corona-Jahr. Bist du überrascht?

Gregory: Danke! Im Nachhinein bin ich eigentlich nicht überrascht. Die Bewerbungsphase war zwar mitten in der Pandemie, aber gerade durch die veränderten Rahmenbedingungen und wegen der Verlagerung unserer Kommunikation ins Digitale sind wir auf ganz neue Ideen gekommen. Statt die Zielgruppe direkt aufzurufen, sich zu bewerben, haben wir dieses Jahr erstmals zu einer „Info Hour“ auf Instagram eingeladen, bei der Interessierte aktuellen oder ehemaligen Stipendiat:innen Fragen stellen konnten. Diese niedrigschwelligen Angebote haben sehr gut funktioniert und, ich denke, letztendlich auch zu den hohen Bewerbungszahlen geführt. Auch für uns als Team war das ein schöner Erfolg, der uns gezeigt hat, dass es sich lohnt Neues zu probieren, sich weiterzuentwickeln.

 

Also habt ihr die Phase des Lockdowns zur Weiterentwicklung genutzt?

Ja! Nach einem ersten Ohnmachtsgefühl im März 2020, als der erste Lockdown kam und keiner wusste, für wie lange und wie es weitergeht, sind wir schnell ins Tun gekommen und haben uns damit beschäftigt, wie wir digital die Hand ausstrecken, die Jugendlichen zusammenbringen und ihnen in dieser, für sie ja auch schweren Zeit, Halt und Impulse geben können. Wir haben dann unser Bildungsprogramm weitestgehend ins Digitale verlagert, neue Methoden und Formate entwickelt und beispielsweise mit unserer Social Media Kampagne „Optimismus Oktober“ die besonderen Bedürfnisse der Jugendlichen adressiert.

 

Welche neuen Methoden und Formate waren das?

Um im Kontakt mit unseren Stipendienjahrgängen zu bleiben, haben wir beispielsweise verschiedene Talk-Formate wie STARTXChange auf Instagram entwickelt. Und mit der Veranstaltungsreihe „START2Imagine“ in Kooperation mit der Zukunftswerft haben wir auch einen Piloten inhaltlicher Art gewagt: Die digitalen Workshops und Werkstätten waren nicht nur für unsere Stipendiat:innen geöffnet, sondern auch für andere Interessierte. Damit haben wir das erste Mal den exklusiven Rahmen unseres Stipendienprogramms gelockert. Mit dem Ergebnis, dass die dort entstandenen Diskussionen und Gespräche von unseren Stipendiat:innen als sehr befruchtend wahrgenommen wurden.

 

Eine Ausnahme nur während der Corona-Zeit oder wollt ihr euer Angebot auch weiterhin öffnen?

Bei digitalen Veranstaltungen entstehen für uns durch die Öffnung zumindest keine Kosten on top. Ob wir in der Videokonferenz mit 50 oder mit 100 Leuten sitzen, ist für das Budget egal, aber wir haben doppelt so viele Jugendliche inspirieren und bestärken können, sich zu engagieren. Sofern der Mehrwert für unsere Stipendiat:innen durch die Öffnung einzelner Veranstaltungen oder Formate nicht beeinträchtigt ist, ist ein solches Mehr an Wirkung natürlich nur zu begrüßen. Deshalb lässt uns dieser Gedanke auch nicht mehr los und ist auch eine Perspektive für unseren neuen START Campus.

 

START Campus, das Projekt, das du gerade ansprichst, ist quasi dein „Baby“. Was genau ist das?

START Campus ist eine Lernplattform, die für unseren neuen Jahrgang seit diesem Sommer erstmals zur Verfügung steht. Es ist quasi das digitale Zuhause unserer START Community. Mit dem eigenen Account haben die Nutzer:innen Zugang zu ihrer individualisierten Terminübersicht, aber vor allem können sie mit anderen aus der Community in Austausch kommen. Es gibt thematische und regionale Gruppenräume und Chatkanäle. Videokonferenzen können über die Plattform gemacht werden, digitale Whiteboards stehen zur Verfügung und Dokumente können abgelegt werden. Es eine Lernplattform, aber vor allem ein Werkzeug für kollaboratives Lernen und Arbeiten.

 

Habt ihr diese Plattform in Eigenregie entwickelt?

Nein, wir haben die Plattform zusammen mit dem Sozialunternehmen Kiron entwickelt. Kiron hat sich 2015 mit der Mission gegründet, Hochschulbildung oder Bildung bereitzustellen für Menschen, die auf der Flucht sind oder in Lebensumständen ohne Infrastruktur für Bildung leben. Weil der Bedarf, Bildung auch ins Digitale zu überführen, aber immer mehr wächst, entwickelt Kiron inzwischen auch sogenannte WhiteLabel-Lösungen: Also Kopien ihrer Plattform, die sie visuell und funktionell auf die Bedürfnisse anderer Organisationen anpassen. Für uns hat Kiron eine Plattform programmiert, die genau die Funktionen erfüllt, die wir für unser Angebot brauchen. Während ihre eigene Plattform beispielsweise mehr auf Einzellernende abgestimmt ist, haben wir Kiron gebeten, bei uns viel mehr kollaborative Tools einzubauen.

 

Ist START Campus auch eine Reaktion auf die Corona-Zeit?

Unser Motto des letzten Jahres war: Never waste a good crisis. Bei START gab es schon vor der Pandemie die grundsätzliche Haltung, dass wir dem Digitalen mehr Raum geben wollen. Erstens, um unser Bildungsprogramm zeitgemäßer zu machen und zweitens, um unseren Wirkungsgrad neu auszuloten. Wenn wir den Anspruch haben, Jugendliche zu empowern, sich Gehör zu verschaffen, mit anderen in Austausch zu treten, dann impliziert das im Jahr 2021 einfach auch Medienkompetenz. Wir haben die Krise genutzt, um diese Erkenntnis mit Leben zu füllen. START Campus ist deshalb keine Notwehrreaktion auf Corona, aber die Phase des Lockdowns hat den Prozess massiv aufgeladen und beschleunigt. Ich glaube auch, dass die Offenheit für digitale Formate auf allen Seiten im Team und bei den Stipendiat:innen gestiegen ist. Wir alle haben jetzt erfahren, was digital alles möglich ist, was vielleicht sogar besser geht.

 

Was funktioniert deiner Meinung nach jetzt besser?

Bisher war mit Veranstaltungen verbunden, Räume zu buchen. Jetzt haben wir aber die Möglichkeiten, den Raum jederzeit zu buchen, weil er digital ist. Dadurch können wir viel spontaner auf Bedarfe reagieren und Themenwünsche aus der Community aufnehmen. Wir schauen dann, ob wir dazu in unserem Netzwerk Impulsgeber:innen haben, setzen einen Termin fest und zwei Wochen später läuft das Ding mit 70 Leuten. Eine ganz neue Dynamik. Ich denke, durch die digitalen Strukturen können wir noch dialogischer und anlassbezogener wirken.

 

Welche Vorteile erhoffst du dir durch START Campus für eure Stipendiat:innen?

Jugendliche haben heute ein ganz anderes Selbstverständnis und anderen Anspruch an Community und Erreichbarkeit. Wir haben es hier mit jungen Menschen zu tun, die nach der Schule ihre Stadt verlassen, vielleicht ins Ausland gehen. Was wir mit START Campus jetzt anbieten können, ist eine Community auf Lebenszeit – egal wo du bist.

Darüber hinaus soll START Campus nicht nur eine Lernplattform, sondern auch ein Freiraum sein, in dem sich unsere engagierten Stipendiat:innen abseits der START Veranstaltungen selbst organisieren, miteinander diskutieren oder in Gruppen an einem Projekt arbeiten können. Die Jugendlichen haben sich natürlich auch schon vorher vernetzt: WhatsApp-Gruppen gegründet, E-Mails geschrieben, Dokumente bei Google Docs abgelegt. Alle diese Funktionalitäten können wir mit START Campus aber datenschutzkonformer und auch visuell zusammengehörig anbieten. Wir geben den Stipendiat:innen damit ein Werkzeug in die Hand, ihre unterschiedlichen Potenziale zu organisieren und ihr Engagement noch selbstständiger in die Hand zu nehmen.

 

Wie sieht es mit der Ausstattung aus? Sicherlich haben nicht alle Stipendiat:innen die gleichen Voraussetzungen zur digitalen Teilhabe.

Das ist ein wichtiger Punkt! Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir in Deutschland eine extreme Ungerechtigkeit und Ungleichheit haben, was die Basisausstattung für digitales Lernen angeht. Deshalb haben wir entschieden, die Hardware-Ausstattung, die bereits Teil unseres Stipendiums ist, massiv zu erhöhen. Eigentlich erhalten unsere Stipendiat:innen einen Mix aus Laptop und Tablet. Die Idee: Etwas Kompaktes und Leichtes zur Mitnahme zu Präsenzveranstaltungen. Da wir dieses Jahr aber einen deutlich höheren digitalen Anteil im Programm haben, müssen wir eben auch entsprechende Geräte zur Verfügung stellen, die leistungsstark genug sind für Videokonferenzen. Unser Ressourceneinsatz für die Hardware-Ausstattung verdoppelt sich damit, aber aus der Wirkungslogik heraus ist das notwendig: Wer digital anbieten will und erwartet, dass es genutzt wird, muss überhaupt erst die Basis dafür schaffen.

 

Was passiert mit den Präsenzveranstaltungen?

Die wird es weiter geben, auf jeden Fall! Das Stiften von Begegnungen ist weiter unser Kern. Es geht nicht darum Sachen zu ersetzen, sondern sie einfacher zu machen und sie durch die Verbindung der analogen und digitalen Welt qualitativ noch zu verbessern. Wir nähern uns da einem Blended Learning Konzept. Für ein Präsenzseminar laden wir auf START Campus zur Vorbereitung Videos und Leitfragen hoch. Bei der kostbaren Präsenzzeit muss der Dozent dann weniger vermittelnd agieren, sondern kann direkt in die Diskussion und in den Transfer gehen. Im Nachgang gibt es die Möglichkeit, Diskussionsfäden des Seminars digital weiter aufzunehmen und zum Thema im Gespräch zu bleiben.

 

Welche Pläne verbindest du noch mit START Campus?

Jetzt wünsche ich mir erst einmal einen guten Launch. Die Stipendiat:innen des neuen Jahrgangs, der seit diesem Sommer Teil der START Community ist, sind die ersten, die den Campus nutzen. Bald öffnen wir den Campus auch schrittweise für andere Jahrgänge und unsere Ehemaligen. Diese Schritte wollen wir ganz behutsam umsetzen, Erfahrungen sammeln, wie die Nutzergruppen das Angebot annehmen. Diese ersten Wochen und Monate werden wichtige Erkenntnisse für uns bringen!

Unter dem Schlagwort ‚Open Campus‘ denken wir aber auch schon weiter. Wir überlegen, wie wir unser Angebot auch für andere Interessierte öffnen können. Zum Beispiel für alle, die sich auf unser Programm beworben haben, aber denen wir nicht allen einen Platz anbieten können. Im letzten Jahr waren das 9/10 aller Bewerbungen, über 3.000 Jugendliche. Bislang war es das dann und wir haben keinen weiteren Kontakt mehr. Langfristig möchten wir allen, die sich bei uns bewerben, einen Account zum Open Campus bieten, mit Zugang zu einem kleinen Teil des Angebots aus dem Bildungsprogramm. Dadurch könnten wir allen etwas an die Hand geben und sie dadurch auch motiviert halten. Das ist noch Zukunftsmusik. Aber eines ist klar: Mit einer digitalen Struktur lässt sich unser Angebot neu denken.

 

Quelle: START Stiftung mit neuer digitaler Struktur – D3 – so geht digital (so-geht-digital.de)